

OSTDEUTSCHE ALLGEMEINE
"SCHOLL erzählt vom Unfertigen statt von Ikonen
Bevor die Flugbätter fielen, waren da Zweifel, Angst und Liebe. "Scholl - Die Knospe der Weißen Rose" am Theater Magdeburg erzählt nicht vom Widerstand, sondern davon, was es kostet, sich dafür zu entscheiden.
Was ist ein Mensch, was macht ihn aus, wo führt sein Streben hin? Schon in den ersten Minuten wird bei Scholl - Die Knospe der Weißen Rose klar, dass dieses Musical nicht auf die bequeme Wucht historischer Gewissheit setzt. Es interessiert sich nicht zuerst für die Widerstandsbewegung, sondern für den Augenblick davor: für junge Menschen, die lieben, lesen, zweifeln, lachen - und allmählich begreifen, dass selbst das Private in ihrer Zeit nicht unpolitisch bleiben kann. Am Theater Magdeburg ist nun die ursprünglich in Fürth entstandene Produktion zu sehen, wo sie 2023 uraufgeführt wurde. Titus Hoffmann und Thomas Borchert haben in der Regie einen bisher selten gewählten Blick auf die Geschichte der Weißen Rose geworfen: ein Musical, das sich nicht für fertige Ikonen interessiert, sondern für die Frage, wann aus jungen Menschen, die eigentlich nur leben wollen, eine Gefahr für ein ganzes Regime wird. (...) Das Entscheidende der Inszenierung steckt bereits im Titel. Die "Knospe" ist noch nicht die Blüte, noch nicht das Symbol, noch nicht das Denkmal. Sie ist das Unfertige, das Gefährdete, das was sich erst unter Druck formt. Das Stück erzählt die Geschichte der Geschwister Scholl und ihres Freundeskreises nicht um die berühmte Tat herum, sondern aus einem Zustand des Suchens heraus. Die sieben Freunde befinden sich im Dezember 1941. Während sich die Kriegslage der Wehrmacht in Russland immer weiter zuspitzt, wollen sie unbeschwerte Tage in der Coburger Hütte in Tirol beim Skifahren verbringen. Eine wichtige Rolle spielt Hans' bester Freund Shurik - Alexander Schmorell, der zwar nicht bei der Gruppe ist, aber in Hans' Gedanken stets präsent bleibt. Die Flugblattaktion der Geschwister Scholl wird erst etwa 14 Monate später stattfinden und sie zum Tode führen. Im Zentrum stehen, anders als man erwarten könnte, nicht Sophie Scholl, sondern ihr Bruder Hans und seine Freundin Traute. Hans ist noch nicht der fertige Held, sondern ein junger Mann, der einen inneren Kampf austrägt, der ihn zu zerreißen droht. Er schreibt Gedichte, sucht Nähe und Distanz zugleich, trägt ein Idealbild in sich, das er nie zu erreichen zu können befürchtet. Dann ist da Traute, die spürt, dass etwas nicht stimmt, die verbotene, "entartete" Bücher in den Skiurlaub schmuggelt und deren Klarsicht der Abend eines seiner stärksten Soli verdankt. Freddie, siebzehn Jahre alt, will unbedingt Soldat werden und verkörpert damit die Gegenposition. Und Ulla, die Unbekümmerte, die keine Gefahr sieht - eine Kontrastfigur, die zeigt, wie leicht es manchmal ist, nicht genau hinzuschauen. (...) Das Bühnenbild von Stephan Prattes arbeitet mit schrägen Holzflächen und schwebenden Balken, die sich während der Aufführung auf und ab bewegen. Sie scheinen einerseits den Aufbau eines Hauses darzustellen und zu zeigen, auf welcher Etage sich die Figuren befinden. Gleichzeitig wirken sie je nach Situation bedrohlich oder schützend, als würden sie die emotionale Temperatur der Szene mitbestimmen. Anfangs in scheinbar willkürlicher Geometrie angebracht, entfalten sie im Finale eine Wucht, mit der man nicht rechnet - ein visueller Moment, den man im Theater selbst erleben sollte. Das Licht ist dabei kein bloßes Stimmungsinstrument, sondern ein eigenständiger Erzähler. Warmes Licht, wenn die Gruppe zusammen ist. Flackern, wenn Auflehnung in der Luft liegt. Grelles Weiß in Momenten der Erkenntnis. Und immer wieder: gezielte Isolation einzelner Figuren, während die anderen im Hintergrund in starren Bewegungen verharren, als wäre die Welt um sie herum eingefroren. Die Songs basieren laut Produktionsangaben auf Originalgedichten Hans Scholls und historischen Aufzeichnungen - das ist ihnen anzuhören. Der Abend beginnt und endet a capella, eine Kreisstruktur, die dem Ganzen formale Geschlossenheit gibt. Die Emotionalität der Songs, das gesangliche Niveau der Darstellerinnen und Darsteller und das Wissen um die historischen Ereignisse verbinden sich zu Momenten, die Gänsehaut erzeugen. Neben den vertonten Gedichten baut die Inszenierung auch alte deutsche Klassiker ein. "Kann denn Liebe Sünde sein" etwa entfaltet mit Blick auf die Liebesverstrickungen der Figuren eine ganz andere Wirkung als im Original. Auffällig ist zudem, wie innerhalb der Songs, vor allem in Duetten, mit Tonarten und Tempo gespielt wird. Aus Dunkelheit bricht Licht und Aufbruch hervor, bevor Zweifel wieder die Überhand gewinnen - als würde die Musik den emotionalen Eskalationsverlauf in Echzeit abbilden. Dass sich die Inszenierung auch Humor zutraut, zeigt ein Song über den Führer, bei dem das Premierenpublikum laut lachte. Es ist ein Moment, der historisch genau beobachtet ist: So gingen junge Menschen damals vermutlich tatsächlich mit dem Regime um - mit Spott, mit Leichtigkeit, mit der Illusion, dass Distanz durch Ironie möglich sei. Die Reaktionen im Saal waren eindeutig. Bereits nach den ersten Songs ertönten lautes Klatschen und Jubel. Trautes Solo wurde mit langem Szenenapplaus bedacht. Nach dem Schlussakkord: sofortige Standing Ovations. Die Darstellerinnen und Darsteller kamen vier- bis fünfmal zurück auf die Bühne, auch Autoren und Regie wurden bejubelt. Das Publikum wollte nicht aufhören zu klatschen. (...) An der Reihenfolge der Verbeugeugungen ließ sich ablesen, wo der emotionale Schwerpunkt des Abends lag: Traute und Hans standen im Zentrum. Das bestätigt den Eindruck, dass dieses Musical seine stärksten Momente nicht in der großen historischen Geste findet, sondern im Persönlichen - in der Liebe, die an Verschwiegenem zerbricht, in der Freundschaft, die unter Druck gerät, in der Frage, wie viel Wahrheit ein Mensch ertragen kann. Es wäre einfach gewesen, aus den Geschwistern Scholl noch einmal das zu machen, was sie in der Erinnerungskultur längst sind: Bronzefiguren des Widerstands, moralisch unangreifbar, historisch abgeschlossen. "Scholl - Die Knospe der Weißen Rose" verweigert sich dem. Es zeigt junge Leute, die eigentlich ein normales Leben wollen und vor der Entscheidung stehen, ob sie sich ins System einfügen oder sich wehren - mit allen Gefahren, die das bedeutet. 2026 ist das keine historische Frage. In einer Zeit, in der demokratische Selbstverständlichkeiten an vielen Orten der Welt unter Druck geraten und die Frage nach individuellem Einspruch wieder drängend wird, trifft dieser Abend einen Nerv. Die Inszenierung macht das nicht plakativ - sie zeigt keine Parallelen, sie zieht keine Linien. Sie lässt das Publikum die Verbindungen selbst herstellen. Wann wird aus Unbehagen Einspruch? Wann wird das Private politisch? Wann kostet Schweigen mehr als Sprechen? Ganz am Ende kehren wir zum Anfang des Abends zurück. Dieselben Stimmen, dieselbe Melodie, dieselbe Frage: Was ist ein Mensch, was macht ihn aus, wo führt sein Streben hin? Nur dass diese Fragen nach diesem Abend eine weit kräftigere Strahlkraft haben. Das Abend gibt keine Antworten. Aber er stellt Fragen so, dass man sie mit nach Hause nimmt."
< Katharina Schwanz 15.04. 2026
